Aus dem Leben eines Stoffes  (Text und Bild : Regine Krammer)

 

 Milano, Italien 16 Uhr 32 - New Tess - Stofferzeuger

 

Il numero 1.005 tre metri di tessuto, il numero 7.005 quattro metri di tessuto, il numero 14.005 tre metri di tessuto si prega.

 

Hey, Nr. 1.005, das bin ja ich! Wie cool ist das denn? Endlich, das Warten hat ein Ende. Endlich ist es soweit. Ich bin schon gespannt wie ein Gummiring. Wohin werde ich wohl gebracht? Rom, Berlin, New York, Paris, London ? Welcher Weg wird denn der meine sein? Mit der Bahn, mit dem Flieger, mit dem Schiff oder mit dem Lkw? Ich kann es kaum noch erwarten, bis es endlich losgeht! Doch vorher noch Abschied nehmen, von der Stoff- Einheit. Immerhin waren wir eine Familie. 50 Meter Familie. Wir werden uns alle in verschiedene Richtungen aufmachen dürfen. Was wohl aus uns allen entstehen wird? Wird es jeder von uns schaffen können besonders und einzigartig zu werden? Kurze Traurigkeit, Nachdenklichkeit, doch dann sehe ich ihn, da, er kommt, er kommt auf mich zu. Meine Energie, sie ist da, so stark, diese Freude, meine Aura sie wird bunt, so bunt und so voll Energie. Der Mann steht vor mir, nachdenklich, doch hey sein Blick, er, ich weiß nicht, was macht er da?.........

 

 

                                                                                                                     ------------------- Fortsetzung folgt-------------

 

 Teil 2:

 

 Kurze Unsicherheit macht sich bei mir bemerkbar. Der Mann setzt sich seine Brille auf, er greift nach dem Etikett mit der Nummer, murmelt etwas auf Italienisch. Da, da ist es wieder, dieses Lächeln in seinem Gesicht. Puh, falscher Alarm, Richtige Stoffnummer, alles in Bester Ordnung. All meine Unsicherheit verschwindet. Erleichterung macht sich bei mir bemerkbar. Das war die Bestätigung meines weiteren Lebensweges. Da ist er jetzt, der Moment, der alles verändert, ich fühle mich wie auf Wolke 7, Leichtigkeit, Freude, Schönheit, Wärme , Kraft strömen wie ein unsichtbares Energiefeld über mich, es ist kaum zu beschreiben dieses Gefühl. Der Mann rollt einige Meter von uns ab , über den Tisch, alles geht ganz ganz schnell, ich spüre seine Hände, sie sind so sanft und warm und doch fühlen sie sich so stark an.--- SCHNITT---

 

 

 

                                                                                                                              ................Fortsetzung folgt.........................

 

 Teil 3:

 

Ich wache auf. Ich muss wohl kurz bewusstlos gewesen sein. Bin ich noch da? Bin ich noch ganz? Wo sind all meine anderen Meter der Stoffeinheit geblieben? Bin ich schon am Ziel angekommen? 3 Meter sind nun aus mir geworden. Ich fühle mich noch etwas schwach und unsicher. Die Halle, in die man mich gebracht hat wirkt sehr groß und alles hört sich ziemlich laut an. Viele Menschen laufen an mir vorbei, manche kommen mir sehr hektisch vor und haben irgendwelche Zettel in der Hand. Doch andere sind gut gelaunt und pfeifen laut vor sich hin. Ich versuche mich zu konzentrieren, um ja nichts von dem ganzen Geschehen zu verpassen. Die Menschenstimmen verstummen langsam, die Geräusche geraten in den Hintergrund, das grelle Licht verwandelt sich in sanftes, warmes Gelb. Hey, alle meine Freunde und meine Stoff- Familie ist um mich versammelt. Alte Geschichten von Früher werden durcheinander erzählt und meine Brüder und Schwestern ärgern einander, wer wohl von ihnen das große Los machen wird. Ich muss lachen, alles fühlt sich so echt, so real an. Mensch bin ich froh,.............

 

 

 

                                                                                                                                   ------------- Fortsetzung folgt-------------------

                                                                                                                                   

 

Teil 4:

 

...nicht mehr alleine zu sein und meine Familie um mich zu haben und ihre Wärme und Zuneigung zu spüren. "Hey du, du wirst wohl nie das große Los von uns ziehen, du wirst in dieser Halle liegenbleiben und verrotten. Kein Paris, kein London!" höre ich noch meinen Bruder rufen, als ich erschrocken aufwache und bemerke, dass alles nur ein Traum gewesen ist. Eine junge Frau steht vor mir, sie wirkt sehr nett auf mich. Sie hat eine tolle zierliche Figur. Ihr Haar ist zu einem Pferdeschwanz gebunden, ihre Lippen sind mit Lippenstift bedeckt. Sie hat braune, große Augen, die wie Sterne zu funkeln beginnen, als sie mich sieht. Mein Herz beginnt vor Freude zu springen. Wahnsinn, dieses Gefühl. Ist sie etwa meine Besitzerin zu der ich gebracht werde? Mensch hab ich ein großes Glück. Ha, da kann er mal schauen, mein Bruder! Ihre Hände greifen nun nach mir. Die junge Frau hat lange, bunte Fingernägel. Ich habe keine Angst, dass sie mich verletzen könnten. Ihre langen Finger streichen über meine Seite, sie hebt mich hoch, faltet mich auseinander, dreht mich hin und her und ihre Augen schauen mir nun tief in meine Seele. Das muss Liebe sein, strömt es aus mir raus! Das ist diese wunderbare Liebe von der alle immer gesprochen haben........

 

 

                                                                                                                                                                 ------------- Fortsetzung folgt-------------------

 

                                                                                                                                   

                                                                                                                                       

  Teil 5:

 

Ihr Gesichtsausdruck beginnt sich plötzlich zu verändern. Das Funkeln in ihren Augen verschwindet und ich muss gestehen mir wird ganz schön unwohl dabei. Aber sie ist noch immer diese schöne Frau geblieben. Sie streift mich noch einmal glatt, faltet mich wieder zusammen und klebt etwas auf meinem Stoffkörper darauf. Hey, das mag ich nicht! Und schwupp die wupp, ehe ich mich versehe befinde ich mich in diesem braunen Ding.

 

"Hey, pass doch auf!" höre ich einen weiteren Stoff, auf dem ich wohl gelandet bin." Na super, Gesellschaft, das auch noch! Vorbei mit der ewigen Ruhe", motzt dieser Unbekannte weiter. Ich versuche mich zu konzentrieren und gelassen zu wirken, um ja keine Falschen Meldungen von mir zu geben. "Darf ich mich vorstellen?", frage ich ganz vorsichtig. "Ich bin Tessuto di Fiore- meine Freunde nennen mich Tess. Ich bin Teil einer Stoff- Einheit. 3 Meter sind für mich bestimmt worden." " Ja, ja, ja! Gehörst wohl auch zu denen, die es im Leben sicher zu was bringen werden. Noch so ein komischer Stoff- Angeber!" höre ich diese Stimme unter mir. "Am Besten du hältst für den weiteren Transportweg, den wir vor uns haben, deinen Mund", setzt er fort.Puh, das hat gesessen. Klare Worte, die dieser grantige Stoff da von sich gegeben hat. Na ja, versucht hab ich`s ja. So ein komischer Typ. Ich fühle mich ganz unrund. Ich bin leicht nervös, ein wenig genervt und quengelig. Ich will da raus. Leichte Zweifel kommen.

 

                                                                                                                                          ------------- Fortsetzung folgt-------------------

                                                                                                                                   

 

Teil 6: 

 Meine Stoff-Einheit hat von solchen Zukunftsprognosen nie etwas erwähnt. In so einem komischen Ding, mit einem grantigen Stoff gesteckt zu werden. Davon war nie die Rede. Uns wurde erzählt, dass wir als größere Stoff- Einheit von etlichen Metern zusammenbleiben werden, mit vielen anderen netten Stoff- Freunden in seidiges Papier eingepackt und transportiert werden. Da ist sie wieder. Diese Sehnsucht nach Einheit und Liebe. Zweifelnd und traurig spüre ich, wie meine positive Energie schwindet. Ich versuche mich schnell an die schönen Momente zu erinnern. Ich kann meine Geschwister und Freunde spüren und es wird mir warm ums Herz. Oh, welch ein Stich ins Herz! "Autsch", kommt es plötzlich aus mir raus.

"Paß doch auf du...!"schreit diese schroffe Stimme unter mir." Oh, entschuldigt vielmals. Es war keine Absicht von mir,"vernehme ich eine lustige und energiegeladene Stimme über mir. Also doch, wir sind zu Dritt!                                                                                                                                                                                                                                                                                            ------------- Fortsetzung folgt-------------------

 

 Teil 7:

"Ihr da unten, ich bin Francesca Cuore, von der Stoff Einheit Nr. 7005. Wie geht´s euch denn ?" Daraufhin stelle ich mich bei unserem neuen Stoff vor. "Ich bin Tessuto di Fiore, von der Stoff Einheit Nr. 1005. Meine Freunde nennen mich alle Tess!" sage ich ganz schnell. "Schöner Name Tessuto di Fiore. Hört sich besonders an." Wie sie meinen Namen ausspricht! Ich bin überaus entzückt.

"Na bravo, zwei von denen. Etwas besonderes, bla, bla, bla!", meldet sich der zickige Stoff unter mir. "Und wer bist du, wo kommst du her?", will Francesca von unserem unteren Kollegen wissen. Doch keine Antwort. Nur Stille. "Na ja, kein Problem wenn du nichts sagen möchtest. Vielleicht später dann, wenn du bereit dazu bist", antwortet sie mit warmer Stimme. Ich bin echt sprachlos. Kein Unterton in ihrer Stimme. Es kommt mir so vor, als würde sie den grantigen Stoff unter uns total akzeptieren. Wie schafft sie das ?

Doch vielleicht möchte sie auch noch keinen Streit anfangen, um dem Transportweg so schön wie möglich zu gestalten. Das wird es wohl sein!

                                                                                                                            ------------- Fortsetzung folgt-------------------

 

 

 Teil 8:

Ich werde durch einen Schatten, der über mir herzieht aus meiner Nachdenklichkeit herausgerissen. Ich höre Geräusche, wie von einem Papier, dass gerade zerknüllt wird. Und dann zieht ein weiterer Schatten vor mir her. Dann ein Lachen. Das muss wohl Francesca gewesen sein. Ich kann ihre Energie spüren. Es fühlt sich lustig an. So, wie wenn Seifenblasen zerplatzen und einem an der Nase kitzeln.Plötzlich ist es finster und die lustige Energie von vorher schlagartig weg. Ich sehe gar nichts mehr und kann nur ganz schlecht die Geräusche von Außen wahrnehmen. Ich höre ein leises Krtsch, Krtsch, Krtsch. Und dann spüre ich einen leichten Druck von oben und jemand setzt sich mit uns in Bewegung.Keiner von uns gibt auch nur einen Laut von sich. Wir warten alle gespannt ab, was als nächstes passieren wird. Mir kommt es so vor, als würde uns jemand ganz leicht hin und herschauckeln.

Sind wir etwa auf einem Schiff? 

 

                                                                                                                                              ------------- Fortsetzung folgt--------------------

 

 Teil 9:

Ich kann es nicht zuordnen. Es scheint, als ob die Zeit überhaupt nicht vergeht. Ich muss meine Gefühle unterdrücken um mir meine Angst ja nicht anmerken zu lassen. Nach gefühlten 5 Stunden beginne ich dann doch vorsichtig nachzufragen.

"Hey, hört mal, kann mir da jemand von euch sagen was nun mit uns passiert?" " Ha, der Super- Nova- Angeber macht sich vor Angst in die Hose,"spottet mich der Stoff unter mir aus. Meine Angst wird tatsächlich noch größer, doch Gott sei Dank beginnt Francesca mich zu beruhigen.

"Hey Tessuto, mach dir keine Sorgen darüber. Das schaffen wir schon. Es dauert jetzt ein paar Stunden, bis wir den Transport überstanden haben. Doch dann, wenn du am Ziel angekommen bist, wirst du alle Schmerzen ganz schnell vergessen haben."

"Ah, die Frau Oberlehrerin weiß ja schon alles besser! Hast du denn schon mal so einen Transport überlebt? Weißt du denn überhaupt wohin du gebracht wirst? Wer von den Menschen dich ausgewählt hat? Du hast ja Nerven, na ja, träume weiter," spottet der grantige Stoff unter uns mit heller Freude. Francesca gibt einen leisen Seufzer von sich. " Hey, ich finde es so schade,.........

 

                                                                                                                                        ------------- Fortsetzung folgt--------------------

 Teil 10:

...., dass du so mies gelaunt bist. Du hast wohl früher schon sehr viel negative Energie abbekommen, oder?" fragt sie bei unserem Kollegen nach." Was heißt da negative Energie? So ein Blödsinn. Welche dumme Feststellung von dir!"

Puh, jetzt klingt der grantige Stoff sehr verärgert. Doch Francesca bleibt total ruhig und verständnisvoll für ihn.

"Du würdest dein Leben sehr viel leichter ertragen, wenn du es positiv sehen könntest und dir viel mehr zutrauen und dem Leben vertrauen würdest."Der Stoff unter uns kontert zurück."Ich traue mir genug zu, doch lauter so Oberschlaumeier wie du es bist, vermiesen mir mein......Das Gespräch endet schlagartig, als wir alle kräftig durcheinander geschüttelt werden. Mir kommt es so vor, als ob wir in unserem Transportkäfig zehn Meter in die Luft geworfen werden. " Ah!" schreie ich laut. Alles dreht sich. Ich kann die Schweißperlen vor lauter Panik auf der Stoffoberfläche spüren.Ich fühle mich total zittrig, nervös und angespannt. Mein Stoffherz rast und ich kann kaum klar denken. Was ist das bloß ?

 

                                                                                                                                         ------------- Fortsetzung folgt--------------------

 

Teil 11:

Ich beginne schon fast zu heulen, als ich einen dumpfen Klang vernehme. Anschließend höre ich das Geräusch eines Motors. Ruckartig werden wir nochmals nach vorne geworfen und dann bewegen wir uns scheinbar weiter. Ich spüre, wie ich an allen Ecken und Enden anstoße und wie ich zusammengeschoben werde.Bei jedem Stoß höre ich Francesca laut lachen. " Hey, das ist wie auf einem Rummelplatz. Ein lustiges Gefühl auf meiner Stoffoberfläche! Genau so hat es mir meine Stoff-Familie beschrieben."

"Hey Francesca, wo nimmst du nur diese positive Energie her? Mir ist schon ganz übel, ich kann meine Schweißperlen direkt in jeder gewebten Zelle spüren. Und mir kommt es so vor, als ob du auch noch Spaß daran hättest," frage ich sie ungehalten.

"Das kommt davon, weil du so ein Angsthase bist. Angsthase, Angsthase," klingt es spöttisch unter mir. "Ach nein, lieber unbekannte Stoff unter uns. So ist es bestimmt nicht,"antwortet Francesca.

 

                                                                                                                                          ------------- Fortsetzung folgt--------------------

 

 

Teil 12:

„Tess, das kommt daher, weil du dem Leben nicht positiv, sondern negativ entgegengehst. Du brauchst dich bloß darauf zu konzentrieren und darauf zu vertrauen, dass alles gut ausgehen wird. Und ja, wenn schon, solltest du ein paar Schrammen davontragen, dann wird man dich schon wieder zusammennähen und reparieren. Das Zauberwort heißt Vertrauen! Glaube mir!“ Daraufhin weiß ich keine passende  Antwort. Ich muss diese Worte von Francesca erst einmal einsickern lassen. Was mich ein wenig beruhigt, ist, dass der Stoff unter mir auch kein einziges Wort von sich dazu gibt. Es herrscht eine eigenartige, ungewohnte Stille. Francesca´s Worte zu hören tun mir einfach unheimlich gut. Hat sie am Ende doch Recht?

 

                                                                                                                    ------------- Fortsetzung folgt--------------------                                       

 

Teil 13:

 

Stimmt es, dass ich meinem Leben negativ entgegengehe? Ich frage mich woher all meine Unsicherheit und all meine Angst vor der Zukunft herkommt? Dabei habe ich mir alles so schön ausgemalt. Meine Zukunft! Meine Bestimmung!

Ich wollte schon immer seit ich auf dieser Welt als Stoff geboren wurde, anderen Menschen eine Freude bereiten. Ich wollte ihnen all meine einzigartige und wunderschöne Aura die mich umhüllt, einfach spüren lassen. Ich wollte schon immer der besondere Stoff sein, das stimmt. Vielleicht habe ich einfach nur den Worten anderer zu viel vertraut und mir selbst zu wenig zugetraut. Die müssen es ja wissen! Wissen, was aus mir werden wird, wozu ich als Stoff fähig bin, was aus mir entstehen kann. Das war einfach meine Antwort darauf, wenn bei mir ein unangenehmes Gefühl der Unsicherheit von Innen hoch kam. Doch nun haben die Worte Francesca´s eine ganz andere Bedeutung für mich bekommen. Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Ihre positive Einstellung und Energie zum Leben bereiten mir so viel Freude, schenken mir so viel Wärme und Zuversicht, dass…….

 

 

                                                                                                                                        ------------- Fortsetzung folgt-------------

 

Teil 14:

…..ich all diese Rumpeleien im Äußeren gar nicht wahrnehme. Ich bin ganz bei mir angekommen. Das erste Mal in meinem Leben denke ich darüber nach, was ich eigentlich von mir glaube und worauf ich vertraue. Viele Erinnerungen und Situationen in meinem Stoffleben sehe ich nun von einer anderen Seite. Wovor habe ich denn so viel Angst, frage ich mich selbst? Angst, es nicht zu schaffen und für immer unbemerkt liegen bleiben zu müssen. Ich weiß es nicht. Doch es ist mir auch nicht mehr so wichtig. Ich kann in meinem Inneren so viel Mut und Zuversicht, so viel Liebe und Wärme spüren, dass sich eine Träne der Freude und des Vertrauens durch meine gewebte Stoffschicht drückt und auf dem grantigen Stoff unter mir landet. Und dann, dann passiert etwas echt magisches.   

                                                                                                                                         ------------- Fortsetzung folgt-------------